Die Maschenprobe

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Oh, ich sehe ihn schon zucken. Den Zeigefinger an der Maus. Allzeit bereit, den Text nicht fertig lesen zu wollen. Denn bei vielen ist die Maschenprobe eher unbeliebt. Während bei einem Tuch ein paar Milimeterchen hin oder her ziemlich wurscht sind, entscheiden bei gestrickten Lieblingsanziehsachen ein paar Zentimeterchen schon über Schlotterärmel und Wurst in der Pelle. Das muss nicht sein. Deshalb ein paar Gedanken zur Maschenprobe.

Anleitungen nacharbeiten ist toll. Jedoch fängt der kleine Haken bereits dann an, nicht das in der Anleitung vorgeschlagene Garn zu verwenden, sondern endlich den großen heimischen Wollberg zu besteigen und ihn mit einem vorrätigen Garn versuchen abzutragen. Jetzt ist halt Garn nicht gleich Garn, selbst bei gleich empfohlener Nadelstärke und identischer Lauflänge pro hundert Gramm und scheinbar gleicher Garnstärke. Zu sehr wirken sich Materialeigenschaften aus. Baumwolle ist nicht gleich Yak mit Seide und Seide ist nicht gleich Kamel mit Merino. Weitere Fragen zum Garn. Verzwirnt oder nicht verzwirnt? Ist es ein Mix und wenn ja, welche Faser überwiegt? Und nicht zu vergessen. Wie ist mein Strickbild. Mit Betonung auf mein. Stricke ich sehr locker oder stelle ich mir bei jeder Masche vor, das am anderen Ende jemand am Seil zieht und ich mich anstrengen muss, um die Masche abzustricken. Das diese Kraftanstrengung ein festeres Maschenbild ergibt ist klar. Ich stimme die verwendete Stricknadelstärke auf mein individuelles Strickbild ab.

Sodala. Endlich schlagen wir ein paar Maschen im Muster der Begierde an und stricken eine, zwei oder auch drei Maschenproben. Vielleicht sogar vier. Leider ist es so, das je fitzlig und winzig klein die Probe ist, die Hochrechnung unter Ungenauigkeit leiden kann. Aber eine Annhäherung ist unter Umständen besser, als drei Mal aufribbeln, vor allem da sich manche Garnqualitäten nur sehr schwer bis gar nicht, Mohair beispielsweise, auftrennen lassen. Waschen und trocknen nicht vergessen und schlussendlich messen und ein bisschen rechnen. Der gute alte Dreisatz ist zwar in Ehren ergraut, aber immer noch ein hilfreiches Helferlein zur Berechnung der benötigten Maschenanzahl.

Ich fertige mir für Oberteile einen Schnitt aus Packpapier an. Das kostet etwas Zeit, aber lohnt sich. Schnell ist das Strickstück aufgelegt und das Hantieren mit dem Maßband entfällt zu einem großen Teil. Es ist herrlich, das wir uns völlig frei entscheiden können, ob wir ein Oberteil am Stück und ohne Naht stricken, von oben nach unten, von rechts nach links oder in Einzelteilen und diese zusammen nähen. Es gibt kein richtig oder falsch. Einzig die persönliche Vorliebe entscheidet. Und die Passform.

Endlich geschafft. Jetzt eine Wiener Melange oder eine Tasse Tee.